Glissando – aber immer nach oben
Eine polnische Zeitschrift zur neuen Musik
«Wir glauben an die Musik aus Garagen, Kellern und Slums, nicht an den phonographischen Markt, die Philharmonien und die offiziellen Anerkennungspreise. Wir glauben an die Musik von Wergo, Col Legno, Warp, Mego und nicht die von EMI, Phillips und Sony. Wir glauben daran, unseren musikalischen Geschmack gemeinsam gestalten und prägen zu können, statt nur den aktuellen Trends zu folgen»
Dieses starke Statement kann man auf der Internetseite von Glissando (www.glissando.pl), der einzigen polnischen Zeitschrift für zeitgenössische Musik, finden.
Alles hat 2004 im Kreis der jungen polnischen Musikwissenschaftler aus der Warschauer Universität begonnen. Die Initiative wurde von drei damahligen Studenten ergriffen: Jan Topolski (*1982), Michał Mendyk (*1981) und Agata Kwiecińska (*1982), wobei nur der erste spiritus movens des ganzen Vorhabens bis heute geblieben ist. Die Idee war, eine Lücke zu füllen die in Polen immer deutlicher spürbar war – eine Zeitschrift zu gründen, die sich ausschliesslich der neuen Musik widmet. So ist Glissando bis heute die einzige im Lande die sich damit beschäftigt. Aber nicht nur – die Ambitionen des Chefredakteurs Jan Topolski waren schon immer viel breiter gefächert. So werden nicht nur Artikel über Musik, sondern auch über Literatur, Architektur, Philosophie, Mathematik, Malerei, Film oder Neue Medien veröffentlicht, meistens mit Bezug auf Musik, aber nicht immer allzu offensichtlich. Glissando soll inspirieren und Interesse wecken. Erstaunlich ist es, dass alle bisherigen Autoren – und immerhin sind es schon über 150 die für Glissando geschrieben haben – ihre Texte ohne jegliches Honorar verfassten. Trotzdem werden nicht alle angebotenen oder beauftragten Aufsätze akzeptiert, die Auswahl ist streng und gewährleistet der Zeitschrift ein sehr hohes Niveau.
Da fast alles ehrenamtlich gemacht wird und die Zeitschrift keine langfristige finanzielle Basis hat, kann sie nicht regelmäßig erscheinen. Bisher sind 19 Hefte erschienen, drei davon als Doppelnummern. Im September 2011 erscheint ein neues, achtzehnes Heft; inzwischen ist ein Wechsel einiger Mitglieder der Redaktion (in der jüngeren Generation Interesse) vorgekommen. Trotz des unregelmäßigen Erscheinens einiger Hefte bleibt die Zeitschrift bei allen Freunden der neuen Musik beliebt und begehrt. Die erste Auflage betrug 500 Exemplare, die zweite 600, aber die dritte schon 1100 und seitdem bleibt es zwischen 1200 und 1500 Exemplaren.
Jedes Heft ist einem oder mehreren Themen gewidmet, z.B. dem Spektralismus, den jungen polnischen Komponistinnen und Komponisten oder der neuen Musik in einem Land wie Österreich-Heft – Nr. 9/2006 und Benelux-Heft – Nr. 10-11/2007, woraus man sieht, dass es keineswegs auf polnische Zustände begrenzt ist. Ganz im Gegenteil: im Glissando wird ein großes Spektrum, dass geographisch von Japan bis Amerika und ästhetisch von qualitätsvollem Rock über Neue Komplexität bis zum industrial und noise reicht, abgedeckt. Die Zeitschrift beschäftigt sich nicht nur mit den grossen Namen des sog. Mainstreams, sondern versucht vor allem Entdeckungen zu machen und auch vielen Musikarten die sich im Grenzbereich bewegen eine Platform zu verschaffen. Jedes Heft enthält eine anspruchsvolle Analyse eines repräsentativen modernen Werkes verfasst meistens von Krzysztof Kwiatkowski, der inzwischen Redakteur für Neue Musik in Ruch Muzyczny, der ältesten Musikzeitschrift Polens, geworden ist. Mit dem Glissando werden vor allem junge, geistig offene Leser aus allen Berufen angesprochen, die vor einem anspruchsvollen Reflexionsniveau, das allerdings jeglichen abstrakten musikwissenschaftlichen Jargon vermeidet, nicht zurückschrecken. Der Chefredakteur sorgt dafür, dass nicht nur felietonistische Panoramen vorgestellt werden, sondern es auch tief in die Materie eindringende Studien gibt. Themen werden sehr unterschiedlich behandelt und in verschiendsten Perspektiven dargeboten. Es wird auch dadurch ermöglicht, dass die Autoren die zu Wort kommen, jegliche Altersstufe repräsentieren, wie z.B. in dem Heft, das sich Lithauen widmet, sind einige Autoren noch unter 18 Jahre alt. Der Ausgewogenheit der beiden Geschlechter sowohl bei den dargestellten Künstlern als auch bei den Autoren wird in hohem Maße Rechnung getragen.
Im Glissando werden sehr viele Photographien und Notenbeispiele abgedruckt. Das Layout der Zeitschrift ist sehr originell und ästhetisch ansprechend: es kommen graphische Extravaganzen vor, ohne dass die Lesbarkeit behindert wird. So gehen einige Artikel quer über mehrere Seiten, einige bestehen vor allem aus Fußnoten, einige muss man sich selber zusammenstellen indem man Pfeilen folgt. Die meisten Artikel werden allerdings durchaus konventionell gedruckt und wenn eine graphische Sonderheit erscheint, so wird sie vom Thema des Artikels inspiriert.
Die Anzahl der Seiten ist permanent gestiegen und die letzten Bände gehen nicht unter 150 eng bedruckte Seiten. Dies alles zu einem Preis von 20 PLN, was nicht mal 4 Euro ist, ermöglicht auch kleinen Geldbeutel den Erwerb dieser vom Anfang an hochstehenden Zeitschrift. Inzwischen kann man sie auch über Internet bestellen, was den Verkauf deutlich angeregt hat. Mit Angelegenheiten des Internets und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt sich Eliza Orzechowska, die hauptberuflich eine Redakteurin beim Kulturfernsehen ist.
Wie bereits erwähnt, gibt es keine durchgängige finanzielle Förderung, aber bisher wurde fast jedes Heft von nationalen oder internationalen Institutionen gesponsort. Darunter waren u.a. Österreichisches Kulturforum, die Stadt Breslau, die niederländische Botschaft und Deutscher Musikrat.
Wie sieht also die Zukunft von Glissando aus? 2008 haben Michał Libera, Jan Topolski und Michał Mendyk eine neue Stiftung Namens 4-99 ins Leben gerufen die letzten Hefte herausgegeben hat, vorher hat es die Stiftung Pro Musica Viva gemacht. Hoffentlich findet die 4-99 genug Unterstützung um weitere Nummern zu veröffentlichen, denn es ist absurd, dass eine so wichtige und einzigartige Zeitschrift wie Glissando in so einem grossen Land wie Polen keine durchgängige Förderung vom Staat bekommt.
Und die künstlerischen Zukunftspläne? Nach der letzten Heften, die der italienischen Musik und dann Mikrotonalität gewidmet wurden, erscheint soeben ein neues, der vom Ton im öffentlichen Raum handelt. Außerdem sind eigene Hefte schon zu folgenden Themen geplant: Musik in der Schweiz; Rumänien…
Glissando ist keine Zeitschrift die man einmal gelesen hat und einfach ins Fach zurückstellen kann, die Hefte über gewisse Themen haben Handbuch-Charakter. Man greift immer wieder auf Glissando zurück, die Bände sind wie gute Freunde, die man aber immer zu Hause hat. Hoffentlich werden davon noch viele kommen.












